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aus: Wulf, Chr./ Zirfas, Jörg (Hrsg.), Fuss. Spuren des Menschen, Paragrana, Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Band 21, Heft 1, Berlin 2012


Der aufrechte Gang

Die Bedeutung des Fußes für die Aufrichtung

 

 

Wo ein Fuß ist, ist auch ein Weg.

Jakob von Uexküll

1. Der Fuß – Grundlage des MenschenFuß

 

Der Mensch ist zum Laufen auf zwei Füßen geboren. Seine Füße tragen ihn durchs Leben. Durch sie kann er vielfältige Bewegungen ausführen. Er kann springen, tanzen, hüpfen und rennen, hocken, schreiten, klettern und schwimmen. Die Füße stützen ihn im aufrechten Stehen, Springen und Gehen gegen die Schwerkraft, bewegen ihn mit den Zehen vorwärts, federn Becken, Rumpf und Kopf ab, sorgen für das Gleichgewicht, arbeiten die Struktur von Boden und Raum in den Organismus ein und sind maßgeblich an der Vereinheitlichung aller Sinne beteiligt. Sie sind die Basis für die Entwicklung des Menschen im Schwerefeld der Erde und für die Ausbildung seiner Physis, seiner Sozialität und Psyche.


Seit vier Millionen Jahren ist der Mensch zu Fuß unterwegs, durchstreift das Gelände, aber erst seit etwa zehntausend Jahren gehen Menschen allmählich dazu über, sesshaft zu werden. Seitdem bestellen sie Felder, domestizieren Tiere und sich selbst und wohnen in Häusern. Noch in modernen Gesellschaften benutzt der Mensch seine Füße – Tennisspieler laufen pro Satz 1,2, Fußballspieler rennen in 90 Minuten 10, Kellner legen bei einem achtstündigen Umrunden der Tische 17 und Postboten beim Briefzustellen 20 Kilometer zurück. Der Mensch hat die größte Ausdauer aller Lebewesen. Er kann zwei Stunden lang mit einer Geschwindigkeit von über 20 Stundenkilometern laufen und eine Strecke von 100 Kilometern in einer Geschwindigkeit von 16 Stundenkilometern bewältigen.


Es ist der Fuß, der den Menschen macht.[1] Er ist seine physische, emotionale und geistige Basis. Der menschliche Fuß muss vor allen anderen körperlichen und geistigen Elementen vorhanden sein, damit der Mensch zum Wesen wird, das für längere Zeit aufrecht auf zwei Beinen gehen kann. Systematisch und zeitlich ist der Fuß Basis und Ausgangspunkt des Menschen: Er bildet sich früher als die Hand und das menschliche Gehirn.


Dem Menschen selbst erscheint seine Aufrichtung banal. Dennoch ist das Stehen auf zwei Beinen mit aufgerichtetem Rumpf und durchgedrückten Knien im Tierreich einzigartig.[2] Eine Besonderheit, die eine enorme Koordinationsleistung und einen ständigen Kampf mit den Kräften der Gravitation erfordert. Bereits das Stehen bedeutet ein ununterbrochenes Herausfallen aus dem Schwerpunkt und ein ständiges Ausgleichen kleinster Bewegungen, gesteuert durch einen unablässigen Austausch zwischen unterschiedlichen Hirnarealen, zwischen Hirnarealen und Sinnesorganen sowie zwischen Sinnesorganen, Muskeln und den Fußsohlen, um den Stehenden immer wieder sicher in die Vertikale zurückzuführen.


Der Fuß besteht aus 26 Knochen. Ihn bewegen Muskeln, Bänder und Gelenke und ihn gliedern Zehen, Fußballen, Fußaußenrand, Knöchel, Ferse, Fußsohle sowie Längs- und Quergewölbe. Zum Merkmal des menschlichen Fußes gehören die vertikal gestellte Wirbelsäule, die Zweifüßigkeit oder Bipedie, die durchgedrückten Knie, das nach hinten gedrehte Becken und die Fähigkeit, den Kopf zu balancieren.

 

2. Von der Fischflosse zum Fuß des Menschen

 

2.1 Mutation, Anpassung, Selektion

Wie kam es dazu, dass sich ein Wesen vollständig aufrichtet – das Becken kippt und die Wirbelsäule vertikal stellt –, auf zwei Beinen umherläuft und Mensch wird, Tier, das zu allen anderen Lebewesen eine wesentliche Differenz schafft? Dem geht die Frage voraus, warum sich die Fische aus dem Zustand des Schwebens im Was­ser heraus begeben haben, sich der niederhaltenden Schwerkraft und dem Licht ausgesetzt und eine Entwicklung zur Aufrichtung des Rumpfes eingeleitet haben? Die Aufrichtung zum Zweibei­ner mit vertikal gestelltem Rumpf ist der bisher äußerste Schritt der Evolution der Wirbeltiere.


Die Morphologie der Lebewesen ist faszinierend und enorm vielseitig. Ihre Gestalten entwickeln sich nahezu lückenlos aus vorhergehenden Formen, die sich durch Variation und Anknüpfung, durch Mutation, Anpassung an die Umwelt[3] und infolge der Plastizität der Körper, einschließlich ihrer festen Substanz wie Zahn und Knochen verändern. Die genetische und morphologische Struktur des Menschen lässt sich bis zu den einzelligen Lebewesen zurückverfolgen.

Die Evolution hat unermesslich viele Formen hervorgebracht und die unzähligen Weisen des Abhebens vom Boden und die vielfältigen Grade der Aufrichtung entwickelt, wie Krokodil, Hund, Känguru, Pinguin, Affe und Mensch zeigen. Pinguin und Känguru sind – neben dem Menschen – die einzigen Wirbeltiere mit einer vertikal ausgerichteten Wirbelsäule. Dagegen sind Affen nicht an die Zweifüßigkeit angepasst, weshalb sie nur für kurze Zeit und mit gebeugten Knien und gebeugter Hüfte auf zwei Beinen gehen und stehen können. Die Natur hat vieles, was möglich ist, entstehen lassen, und infolge der immensen Möglichkeiten war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich ein Wesen entwickeln würde, das sich vollständig aufrichtet.

 

2.2 Der Fisch

Die Aufrichtung ist Teil der Entwicklung der Wirbeltiere, die aus den fünf Klassen Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere bestehen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie ein Skelett haben, ein entwickeltes Gehirn, einen Blutkreislauf und vier Extremitäten – entweder vier Beine oder vier Hände, zwei Beine und zwei Flügel, zwei Beine und zwei Flossen oder zwei Beine und zwei Arme.


Die ersten Wirbeltiere sind die Fische. Sie schwimmen waagerecht, atmen durch Kiemen, haben zwei Brust- und zwei Bauchflossen, eine Haut mit Schuppen und keinen Hals. Sie leben in der Schwebe, da das spezifische Gewicht des Wassers ihrer eigenen Schwere entspricht, die sie durch das Aufnehmen von Sauerstoff variieren können, um die Höhenlage im Wasser zu verändern. Fische leben schwerelos.

 

2.3 Fuß und Aufrichtung

Doch nach den Fischen fangen die Probleme an – die Schwere wird wirksam. Mit dem Heraustreten aus dem Wasser wird ein tragendes Element erforderlich – der Fuß, ein Attribut der Schwere und des Tragens. Parallel zum Fuß entwickeln sich zugleich Möglichkeiten, dass sich Rumpf und Kopf vom Erdboden abheben. Mit dem Verlassen des Wassers wird die einfache Lösung aufgegeben. Verfestigungen setzen ein. Neue Lösungen werden gesucht: Halte-Lösungen, Vorwärtskriech-Lösungen, Aufrichtungs-Lösungen. Zwar ist Luft leichter und weicher als Wasser, aber ihr geringerer Auftrieb gibt den Körpern Schwere, so dass ein Umbau des gesamten Skeletts erforderlich wird, um das Gewicht des Körpers auf den Beinen halten und Organe für die Vorwärtsbewegung entwickeln zu können.

 

2.4 Von Amphibien, Reptilien und Säugern zum Menschen

Der Übergang vom Wasser in das Element Luft erfolgt vor etwa 375 Millionen Jahren und hat bis zum Landleben vielfältige Übergangsformen hervorgebracht. Der Quastenflosser kann lange Strecken zurücklegen, etwa bis zu einer ergiebigen Wasserstelle. Seine Flossen befinden sich am Ende von stielartigen Beinen. Der Knochenfisch atmet bereits durch Lungen und der Tiktaalik hat das Arm-Hand-Schema ausgebildet, das allen Wirbeltieren – einschließlich des Menschen – gemeinsam ist[4]: ein Oberarmknochen, zwei Unterarmknochen, eine Knochenansammlung als Handmitte und fünf Finger.[5] Dasselbe gilt für das Bein-Fuß-Schema.


Die den Fischen nachfolgende Klasse sind die Amphibien. Als Larven leben sie im Wasser, nach der Reife meist auf dem Land, sie können aber weiterhin im Wasser leben. Die neuartige Umgebung erfordert durch andere mechanische Belastungen eine neue Körperorganisation. Zur Übertragung großer Kräfte beim Kriechen und Hüpfen bildet sich ein kräftiges Becken aus, neben dem Innenohr entwickelt sich ein Mittelohr, Kiemen werden zu Lungen und die paarig angeordneten Flossen zu kräftigen, knöchernen Extremitäten umgebildet.


Die ersten Landwirbeltiere sind Reptilien, hervorgegangen vor 250 Millionen Jahren aus den Amphibien. Das Wort Reptil stammt von repere, das kriechen bedeutet. Die Weiterentwicklung der Reptilien sind die Säugetiere, die vor 200 Millionen Jahren entstanden, Ausdruck der ersten Impulse zur Aufrichtung und zu einer mit dem Rumpf vom Boden abgehobenen vierfüßigen Fortbewegung. Säugetiere haben Milchdrüsen und bereits die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel. Sie können ihre Körpertemperatur unabhängig von der Umgebung konstant halten und haben eine genaue Okklusion – sie können präzise kauen. Vorfahren des Menschen sind Lebewesen wie Fisch, Krokodil und Elefant sowie ein Wesen, aus dem Affen und Menschen hervorgegangen sind.


Der Fuß macht die Differenz. Systematisch und historisch beginnt die Menschwerdung beim Fuß. Er geht der menschlichen Hand voraus. Die enorme Vergrößerung des Gehirns erfolgt spät – angenommen wird sie vor 300000 Jahren – spät im Vergleich zum Alter des menschlichen Fußes von vier Millionen Jahren. Vermutlich nimmt das Volumen des Gehirns zu infolge des Gebrauchs komplexer Werkzeuge und der damit gegebenen Differenzierung von linker und rechter Hand. Bei Rechtshändern übernimmt die linke Hand die Funktion der Fixierung eines Gegenstandes, die rechte bearbeitet ihn. So bildet zwar der Fuß die Basis des Menschen, aber die Differenzierung der Hände bringt die typisch menschlichen Vermögen wie Sprache, Intelligenz und Planungsvermögen hervor.

 

2.5 Bipedie und die vollständige Aufrichtung

Lebewesen haben eine unterschiedliche Anzahl von Beinen. Tausendfüßler haben oft mehr als 300 Beinpaare, Spinnen haben acht, Insekten sechs Beine und Säugetiere immer vier Extremitäten. Die Anzahl der Beine ist immer geradzahlig, da Lebewesen symmetrisch gebaut sind.


Zu den zweifüßigen Wirbeltieren gehören der Mensch, das Känguru und der Vogel. Sie sind habituelle, obligate Zweifüßer. Angepasst an die zweibeinige Lebensform. Fakultative Zweifüßer sind morphologisch nicht an die Bipedie angepasst, wie Bären, Gerenuk-Gazellen, Hamster und Affen, die sich nur kurzzeitig auf zwei Beinen halten.


Die Aufrichtung hat sich beim Menschen am weitesten entwickelt. Er hat die sichere vierbeinige Fortbewegung zu Gunsten des aufrechten zweibeinigen Ganges aufgegeben. Becken, Rumpf, Arme und Kopf werden, statt auf allen Vieren, so auf zwei Beinen balanciert, dass der Mensch lange Zeit aufrecht gehen kann. Das erforderte unterschiedliche Lösungen – Greif-Lösungen für die Hand, Behauptungs-Lösungen für den Kopf und Seelen-Lösungen für das Gefühl. Denn um Gehen und Stehen und den Kopf oben halten zu können, muss sich der Mensch behaupten wollen. Jeder Schritt erfordert Entscheidungen. Gehen ist zunächst ein aufgehaltenes Fallen, das durch das Vorschieben eines Beines verhindert werden soll. Gelingt es, das permanente Fallen in ein Stehen und Gehen umzuwandeln und es zu stabilisieren, hat der Organismus den Entscheidungen entsprechende Vorgänge initialisieren, umsetzen und in sich fixieren können.


Der Mensch ist im Schwerefeld vertikal aufgebaut – vom Fuß zum Kopf. Oberhalb des Fußes befindet sich das Fußgelenk, das Fuß und Unterschenkel verbindet, das Kniegelenk verbindet Unterschenkel und Oberschenkel und das Becken ist die bewegliche Verbindung von Oberschenkel und Wirbelsäule. In das Becken ist das Kreuzbein als Gelenk eingebunden, das zur Vertikalen abgeknickt ist und das Promon­torium bildet. Auf der oberen Ebene des Kreuzbeins baut sich die Wirbelsäule auf. Sie besteht aus 7 Hals-, 12 Brust- und 5 Lendenwirbeln. Diese 24 knöchernen Wirbelkörper sind durch Bandscheiben elastisch gelagert, wobei zwei Wirbelkörper und eine Bandscheibe ein Gelenk bilden. In der seitlichen Betrachtung zeigt die Wirbelsäule eine doppelte S-Form, da die Lenden- und Halswirbelsäule eine Biegung nach vorne (Lordose[6]) und die Brustwirbelsäule eine Biegung nach hinten (Kyphose) aufweisen. Das Promon­torium ist eine Voraussetzung für den letzten Schub an Aufrichtig. Das obere Wirbelgelenk wird durch Atlas und Axis gebildet. Der Atlas stützt den Kopf beidseitig und erlaubt das Kopfnicken, der Axis das Drehen des Kopfes.


Da sich über jedem Gelenk Körpermasse befindet, ist der Gleichgewichtszustand in der Aufrichtung grundsätzlich labil. So baut sich der Körper von den Füßen bis zum Kopf labil schwingend über Fuß, Knie, Becken und Atlas auf. Diese Labilität zu organisieren ist die Aufgabe von Bändern, Muskeln und Sehnen, aber auch Aufgabe der geistigen und emotionalen Haltung des Menschen.


Als Zweibeiner muss der Mensch seine vielen Gelenke koordinieren, um den Körper in unterschiedlichen Räumen, auf wechselnden Böden und in verschiedenen Körperhaltungen in Balance zu bringen und zu halten, denn unablässig verlagert sich – selbst in Ruhe – der Körperschwerpunkt, so dass das Gleichgewicht permanent herzustellen ist, um mit kleinsten Kräften und Beschleunigungen die Schwerpunktverlagerungen ausgleichen zu können. Erst wenn sich der Körperschwerpunkt über die Auflagefläche der Füße hinaus bewegt, werden große Kräfte erforderlich, um einen Sturz zu vermeiden. Deshalb kann die aufrechte Haltung nicht einfach eingenommen, sondern muss ständig durch Physis, Geist und Gespür hergestellt und behauptet werden.

 

3. Der menschliche Fuß und das aufgerichtete Sein

 

3.1 Der Tiefensinn

Der Tiefensinn ist der Hauptsinn für das aufrechte Gehen. Deshalb verfügt der Körper in allen Regionen über Rezeptoren, die Signale aus der Umwelt und aus dem Körper empfangen und an das Zentralnervensystem weiterleiten. Diese zweifache Reizbarkeit sind die viszerale und die somatische Sensibilität. Die erste nimmt die Reize der inneren Organe auf und ist mitverantwortlich für Stimmungen und Gefühle. Die somatische Sensibilität gliedert sich in die Oberflächen- und die Tiefensensibilität, den Tiefensinn. Für die Sensibilität der Oberfläche sorgen der Tastsinn und die Wärmeempfindung. Der Tiefensinn besteht aus dem Stellungs-, Geschwindigkeits- und Kraftsinn. Ihre Rezeptoren in Muskeln, Sehnen und Gelenken senden Informationen über Kraft, Richtung und Geschwindigkeit der Gelenke an das Zentralnervensystem, wodurch unablässig Momentaufnahmen über die Gesamtgestalt des Menschen und seine Lage im Raum erstellt werden. Unterstützt durch visuelle Wahrnehmungen verfügt der Mensch so über ein Schema seiner räumlichen Position und kann im Sturz, bei Dysbalancen oder in Gefahr schnell und angemessen reagieren.

 

3.2 Fußsohle, Gleichgewicht und Tiefensinn

Die Fußsohle, das Gleichgewicht und der Tiefensinn arbeiten gemeinsam die Beschaffenheit des Bodens und die Ordnung des Raumes in den Organismus ein, geben Orientierung von oben und unten, von vorne und hinten und von links und rechts und halten den Körper vertikal im Schwerefeld.


Die Fußsohle – Planta pedis – ist die Haut der Fußunterseite, die ihre Form vom Aufbau des Fußskeletts erhält. Durch das Längs- und Quergewölbe ruht der Fuß nicht mit der gesamten Fläche auf dem Boden, so dass das Körpergewicht ungleich auf die Fußsohle verteilt wird – etwa 40 Prozent ruhen auf dem Fußballen, 35 Prozent auf der Ferse, 15 auf dem Fußaußenrand und 10 Prozent auf den Zehen.


Wesentliche Funktionen der Fußsohle liegen im Ertasten des Erdbodens, im Einlagern von Kalzium in die Knochen durch den Bodendruck, im Abfedern des Körpergewichts, im Aufrechterhalten der Balance sowie in der Integration der unterschiedlichen Sinne. Deshalb kann die Fußsohle als Spiegel der körperlichen, emotionalen und geistigen Aktivitäten dienen. Da die Fußsohle den Boden präzise abtasten muss, ist sie eine der sensibelsten Hautpartien des menschlichen Körpers und erhält dadurch ihre Bedeutung für Massage, Akupunktur und Fußreflexzonen-Therapie. Die Korrektur der Körperhaltung nimmt ihren Ausgang in der Fußsohle, eine Fähigkeit, die am besten barfuß und auf wechselnden Untergründen erworben wird.

 

4. Ontogenese der Aufrichtung

 

In seiner frühkindlichen Entwicklung durchläuft der Mensch scheinbar[7] noch einmal die Formen des phylogenetischen Prozesses der Wirbeltiere vom horizontal ausgerichteten Fisch – über Amphibien, Reptilien und Säuger – bis hin zum aufrecht stehenden Menschen.


Der Fötus schwimmt im Wasser wie der Fisch. Der Säugling stärkt durch das Drehen des Körpers um die Längsachse die Bauch- und Rückmuskulatur und entwickelt in der Bauchlage das Heben und Halten des Kopfes, um aus der Bauchlage heraus das Krabbeln und Kriechen zu erlernen – wie Reptilien an Land. Dann beginnt das Kind, sich seitlich abzustützen, um sich mit dem Gesäß auf den Boden zu setzen und von da aus allmählich in den Vierfußstand zu gelangen – wie bei Hund und Katze. Vom Vierfußstand arbeitet es sich nach und nach vom Boden in den zweifüßigen, aufrechten Stand hinauf – wie es ihn bei Erwachsenen sieht. Signale und Reflexe des Körpers helfen dem Kind, sich organlogisch zu entwickeln. Der Umgang mit den Kräften und Gewichten des Körpers stärkt den Organismus und gibt dem Kind Zuversicht, bis es so kräftig ist und sich so sicher fühlt, dass es Beinen und Füßen das Wagnis des Gehens und Stehens anvertraut.

 

5. Hypothesen der Aufrichtung

 

Zum letzten Akt der Aufrichtung – zur Hominisation – gibt es unterschiedliche Hypothesen – die Aufrichtung diene der Übersicht in der Savanne, die frei gewordenen Hände könnten Werkzeuge herstellen und das Leben erleichtern, der Mensch könne ausdauernder laufen und Tiere jagen, er sei im Stehen besser an hoch hängende Früchte herangekommen und habe Nahrung an entlegene Orte tragen können. Wird jedoch nicht nur der letzte Akt der Aufrichtung betrachtet, sondern die Gesamtentwicklung der Evolution der Wirbeltiere, werden auch andere Hypothesen plausibel.

Von Anbeginn an ist den Lebewesen eine Art Unzufriedenheit mitgegeben. Ein Veränderungspotenzial und eine Offenheit, um der Fixierung des Lebens auf einen Status quo entgegenzuarbeiten. Ein Beweggrund, der Fische an Land trieb, unterstützt durch den Prozess, der die Erdatmosphäre mit einer Ozonschicht ausstattete, die einen Teil der ultravioletten Strahlung absorbiert und Leben außerhalb des Wassers ermöglicht.


Die Gruppe von Wirbel­tieren, die zum Menschen führt, scheint demselben Streben unterworfen zu sein wie Pflanzen – ein Streben zum Licht. Den widerstreitenden Kräften der Schwere entgegen in die Höhe, aufwärts zur Sonne.

Der Prozess der körperlichen Aufrichtung vollendet sich in der Gegenwart – als Abschluss der Sesshaftwerdung – im Sitzen auf Stühlen, indem sich das Kreuzbein beim Vorgang des Setzens um 45 Grad nach rückwärts dreht und – wie der Rumpf – in der Vertikalen zur Ruhe kommt, so dass nach der Rumpfaufrichtung und der Vertikalität des Kreuzbeins die körperlichen Mittel der Aufrichtung ausgeschöpft sind.

Nun versucht der Mensch mit den Mitteln der Kultur die Aufrichtung weiter zu treiben. Nach oben. In die Höhe. Ins Offene. Die kulturelle Aufrichtung ist eine hohe Aufrichtungsform. Wie die technische Aufrichtung in Form von Nanotechnologie, Bionik und Gentechnologie. Ebenso die Versuche, von der Erde abzuheben und in die Galaxis vorzustoßen.[8] Der Mensch entwickelt Flugstädte, um in die Un­ermesslichkeit des Alls vorzudringen. Neben dem Mythos, der hier wirksam ist, geht es auch um Selbst­er­haltung, da gewiss ist, dass die Existenz der Menschheit auf dem Planeten Erde zeitlich begrenzt ist.


Die höchste Form der menschlichen Aufrichtung ist die soziale, politische und philosophische Aufrichtung in Form globaler Kooperationen, der ökologischen Produktion und Entsorgung sowie der Aktivität globaler Sozialunternehmen[9] wie Fundaec, Aravind Eye Care System oder Riders for Health.

 

6. Der kultivierte Fuß

 

Menschen arbeiten an ihrem Fleisch und ihrer Knochenarchitektur. Sie ritzen die Haut, längen den Hals, beschneiden das Geschlecht und amputieren Körperteile wie Ohrläppchen und Fingerglieder. Auch der Fuß unterliegt der kultivierenden Zähmung. Er wird umwickelt und beschuht, verletzt und als Zeichen der Niedrigkeit verleugnet. Ist aber ein Gott von Geburt an gehbehindert wie der lahmende griechische Gott Hephaistos, wird der abnorme Fuß zum Makel. Hephaistos ist ein derber humpelnder Handwerker, das Gegenbild zum ästhetisch Schönen, das er als Ausgleich für seinen plumpfüßigen Gang erhält – Aphrodite, die Göttin der Schönheit. Doch er bleibt das Gespött auf dem Olymp, denn der lahme Fuß ist der ehrlose Fuß.

Bei Versuchen, den Fuß zu formen und zu zähmen ist die Versehrung des Menschenfußes folgenschwer und mitunter von enormer Gewalttätigkeit. Häufige Fußleidende waren Könige. Zur Inthronisation wurden ihnen nicht selten die Füße verletzt oder gebrochen. Sie sollten sich nicht dem Thron und den strengen Thronzeremonien entziehen können. So heißt es lapidar: „Der König hat keine Füße.“ Denn sein Lebensort ist der Thronsitz. Graf Mirabeau, einer der einflussreichen Führer der Französischen Revolution, unterbricht noch barsch die Rede eines Volksdeputier­ten, der eine Eingabe an den König mit den Worten „Wir legen Euer Majestät zu Füßen…“ beginnt, mit dem Ausruf: „Der König hat keine Füße“. Der königliche Fuß ist der verleugnete Fuß.

Jahrhundertelang haben Lilienfüße das Gehen der chinesischen Frau behindert und zur Qual gemacht. Seit dem 12. Jahrhundert wurden jungen adligen Mädchen die vier Zehen gebrochen, unter die Fußsohle geknickt und fest mit Bandagen zusammengeschnürt. Ein spezielles Schuhwerk musste die Füße stützen. Später widerfuhr das auch den Töchtern von Bürgern und Bauern. Per Gesetz im Jahr 1911 abgeschafft wurde das Gesetz erst zwei Jahrzehnte später unter Mao Tse-tung konsequent angewendet. Im Bewusstsein der chinesischen Männer noch heute ein Schönheitsideal ist der Lilienfuß vor allem Gehbehinderung, Schmerz, Unbeweglichkeit, Unfreiheit. Der Lilienfuß ist der zerstörte Fuß.

In modernen Gesellschaften greifen Stöckelschuhe und High-heels in die Physis und Haltung der Frau ein. Brust und Gesäß werden ebenso betont wie die Hüften im unsicher wiegenden Gang, der die Weiblichkeit, das Erotische der Frau betonen soll. Als Dress-Code für Mitarbeiterinnen in der Modebranche kommt sie anschaulich im Film „Der Teufel trägt Prada“ zum Ausdruck. Sie gehört aber nicht nur dort zum Kodex. Das Tragen hochhackiger Schuhe verändert das Fußskelett, führt zur Überbelastung und Schwächung der Fußmuskulatur, verschlechtert die Durchblutung der Füße und Beine und behindert die Arbeit der Fußsohle. Der Fuß im Stöckelschuh ist der eingefasste Fuß.

Nach dem König, der gewaltsam gesetzt wird, setzt sich der Bürger freiwillig auf Stühle. Und bis heute erweckt er den Eindruck, dass er Füße nicht wirklich braucht, um sich fort zu bewegen, denn für den modernen Menschen drückt sich die Erhabenheit des Menschen weniger im aufrechten Gehen und Stehen aus als im Stolz des Sitzens. Im Sitzen kann er das Körpergewicht von den Füßen nehmen und auf das Gesäß verlagern, denn Technik bringt ihn im Automobil, in der Bahn und im Flugzeug überall hin. Daher lebt er auf schwachen, schnell ermüdenden und verkümmerten Füßen. Der bürgerliche Fuß ist der sedierte Fuß.


Der Schuh nimmt der Fußmuskulatur einen Großteil der Muskelarbeit ab, unterstützt durch Treppen, ebene Wege und moderne Transportmittel. So verfallen Fußskelett und Körperhaltung, weil die Fuß- und Beinmuskulatur zu wenig beansprucht wird und sich zurückbildet, weil Bänder verkalken und Gelenke schrumpfen und versteifen. Der Fuß im Schuh entfaltet nicht mehr sein Potenzial und die Fußsohle kann weder räumliche Koordination noch Balance garantieren. Deshalb sind in modernen Gesellschaften zwei von drei Menschen fußkrank. Von ihnen heißt es, dass sie durchschnittlich nur noch 700 Meter am Tag zu Fuß gehen. Das Resultat eingestürzter Fußgewölbe sind Spreiz-, Platt- und Senkfüße, die zu vielerlei Fehlhaltungen führen.


So zeigt sich in der Geschichte des Menschen ein Entehren, Verleugnen, Zerstören, Einfassen und Sedieren des Fußes. Doch immer mehr Menschen begreifen, dass zum Erhalt von Körper und Geist Kraftverausgabung und Bewe­gung erforderlich sind, weshalb sie Sport treiben und auf geeignetes Schuhwerk achten.

 

7. Die Kultur des aufrechten Gehens

 

Jede Kultur hat ihr eigenes Repertoire an Haltungen. Dabei spielen Beweglichkeit und Kraft der Füße eine wesentliche Rolle, denn wer auf seiner Basis nicht gut steht, wird auch leiblich und emotional, sozial und moralisch sowie psychisch und geistig nicht gut aufrecht gehen und stehen.


Der aufrechte Gang ist aber nicht die Aufgabe des Körpers allein, sondern wird wesentlich auch durch Selbstbewusstsein und Motivation bestimmt.[10]


Die Aufrichtung macht den Menschen. Sie gibt ihm Überblick und ist eine Voraussetzung dafür, dass er ein Bewusstsein von sich entwickelt. Der Mensch ist ein Überseher, ein Bischof des Alltags. Während er danach trachtet, sich einen Überblick zu verschaffen, muss er gleichzeitig lernen, auf eine schmale Basis, den Fuß, zu vertrauen. Der Grad der Aufrichtung kommt im Atem zum Ausdruck – in seiner Intensität und seinem Rhythmus.


Der gepresste, angestrengte Atem drückt nach unten. Wie bei Niedergeschlagenen – Melancholikern, Schamvollen, Depressiven und Pessimisten. Sie gehen geduckt mit gesenktem Haupt und eingezogenen Schultern. Die gedrückte und gebeugte Haltung ist ein Verschließen gegenüber der Umwelt, ein Versuch, die innere Haltung zu verbergen und zu kontrollieren. Träger unpassenden Schuhwerks, am Rücken Leidende und am Fuß Verletzte werden zu unterschiedlichsten Ausweichhaltungen gezwungen, die ein freies Atmen und aufrechtes Gehen behindern.


Der freie, ungehinderte Atem richtet auf. Er erweist sich als Öffnung und Weltzugewandtheit. Das aufrechte und selbstbewusste Auftreten führt zu einer leichten und nahezu schwerelosen Erhebung des Hauptes. Im Yoga gibt es Übungen, in denen sich Übende mittels Atem, Bewusstsein und Vorstellungskraft am Schopf packen und sich noch weiter aufrichten, sich noch mehr in die Höhe ziehen und die Wirbelsäule dehnen und die Gelenke entlasten. Dabei richten sie über den Atem Wirbel für Wirbel auf. Sie stehen dann mit beiden Beinen auf der Erde und mit ihrem Kopf in kosmischen Sphären.


Jede Kultur hat ihr eigenes Repertoire an Handlungen. Nur scheinbar paradox beginnt Handeln mit den Füßen. Wer handeln will, muss erst einmal losgehen. Auf etwas oder jemanden zugehen, um dann die Hände einzusetzen. Das macht den Fuß zu einem grundlegenden Element des Handelns. Er kann sogar aktiver Bestandteil des Handelns sein – als Stock, Taktgeber, Schlagutensil und Spiel- und Sportgerät. Im Fußtritt erweist er sich als Mittel für niedere Instinkte. Er kann auch Fetisch sein und Objekt der Pflege, des Rituals, des Nachdenkens und der Erotik.

Auch die Sprache erweist sich als Attribut von Fuß und Aufrichtung. Sprechen wird erst durch das Absinken des Kehlkopfes infolge der Aufrichtung möglich. Es ist der entstandene Hohlraum, der das Artikulieren differenzierter Laute möglich macht. Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, Kulturspeicher und Denkförderer, sondern stützt auch Atem und Aufrichtung.


Insofern ist der Fuß auch Erkenntnisorgan. Er nimmt die Beschaffenheit des Bodens und den Raum – also die unmittelbare Welt – wahr, in sich auf und arbeitet sie in den Körper ein. Der stehende Fuß versteht die Umgebung und der Mensch kann sich selbst an seinen Füßen erkennen – gewahr werden, wie er in der Welt steht. Er kann seinen Zustand auch sprachlich fassen – für sich und andere.

Die grundlegende Orientierung des Menschen bezieht sich auf sein Gefühl für oben und unten, für vorne und hinten sowie für die Relation von links und rechts. Sie entsteht aufgrund der Einbindung des Körpers in das Feld der Schwere. Über das vertikal­e Schema seines Lebensraumes nimmt er die Welt wahr und deutet sie. In der Adaptation an die Raumordnung und das Inventar kultivierter Räume entwickeln sich Gehirn und Sinnesorgane, bilden sich Gefühle und Verhaltensweisen, Kennt­nisse und Weltanschauungen aus.


Für Ernst Bloch ist der Fuß ein Organ der Moral. Ihm gilt der aufrechte Gang als Ziel der Menschwerdung. Im aufrechten Gehen komme der Mensch zu sich. Aufrichtigkeit sei der aufrichtige, ehrliche und engagierte Gang durchs Leben – ein Kennzeichen verantwortungsbewussten Handelns, das der Mensch gegenüber der Natur, der Gesellschaft und anderen Menschen einnimmt, und gegenüber sich selbst. Bei Ernst Bloch sind Haltung und Handlung in eine Form gebracht. Der aufrechte Gang ist ein selbstbewusstes aktives und kämpferisches Gehen, das der Welt als Symbol für ein gerechtes Leben die leibliche Aufrichtung bietet.


Der moderne Mensch, ausgestattet mit denselben biologischen Anlagen wie vor Tausenden von Jahren, hat sich enorme Werke geschaffen, die seine evolutive Biologie und seine Moral in Zweifel ziehen, weil sie hinter dem Wachsen und Wandel der Werkzeuge und Apparate zurückblieben. Dabei hat er Intuition und Gespür gegen eine methodische Klugheit getauscht. Um auf den Boden zurückzukommen müsste er sein Gespür verfeinern, wozu er sich seiner Füße erinnern und bedienen müsste. Was die unstillbaren Wünsche und utopischen Pläne des Menschen jedoch relativiert und Hoffnung macht, ist, dass er im Alltag nicht in erster Linie gemäß der modernen Technologie lebt, sondern entlang einer Sehnsucht, die an seine biologische Grundform gebunden ist: Er arbeitet, nimmt auf, schläft und spielt, scheidet aus, pflanzt sich fort und mit jedem neuen Menschen kommt ein Paar Füße auf die Welt, das sich aufstellt, den Sturz abfängt, dem Erdboden vertraut und der Sonne entgegenwächst.

 

 


 
[1] Vgl. Leroi-Gurhan, André, Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst, Frankfurt am Main 1984, S. 89. Neben dem Fuß haben sich auch andere Elemente in dieselbe Richtung verändert, da sich Organe in enger Abhängigkeit voneinander entwickeln.

[2] Zwar stehen auch Pinguine und Kängurus mit vertikaler ausgerichteter Wirbelsäule, doch ihre Oberschenkel verlaufen horizontal. Der Schwanz dient als drittes Bein.

[3] Mayr, Ernst, Das ist Evolution, München 2005, S. 111ff und 126.

[4] Vgl. Shubin, Neil, Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers, Frankfurt am Main 2009, S. 41.

[5] Mit wenigen Ausnahmen wie Frösche und Lurche – die oft 5 Zehen und vier Finger haben.

[6] Die Lordose ist eine Bedingung für die äußerste körperliche Aufrichtung. Durch kulturelle Interventionen kann sie jedoch um einige Winkelgrade vergrößert oder verringert werden – etwa durch das Überspringen der Krabbelphase und das frühe Sitzen auf Stühlen.

[7] Diese Idee von Ernst Haeckel erscheint so, da die Struktur aller Lebewesen im Menschen enthalten ist und sich wiederholt. Vgl. Shubin, Neil, a.a.O., S. 128f.

[8] Ein Problem entsteht durch den Fuß: Wenn Astronauten aus dem planetarischen Raum auf die Erde zurückkehren, empfängt sie ein Rollstuhl, um ihnen die Knochen zu schonen, die durch den fehlenden Fußsohlendruck weich geworden sind.

[9] Sozialunternehmen (Social Entrepreneurship) sind wirtschaftliche Unternehmen, die sich innovativ, pragmatisch und langfristig für einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel einsetzen, indem sie versuchen, gesellschaftliche Defizite mit unternehmerischen Mitteln zu überwinden.

[10] Middendorf, Ilse, Der erfahrbare Atem. Eine Atemlehre, Paderborn 2007, S. 149f.



© Hajo Eickhoff 2012





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